macbeth
Drei Hexen sind Wanderer zwischen den Welten, Flüchtlinge der Geschichte und fallen aus der Unendlichkeit der Zeit. Sie zaubern aus ihren Taschen das Märchen vom Sieger Macbeth und wirbeln in einem wilden Hexentanz die Figuren durcheinander.
Sie fixen den Sieger Macbeth an und machen ihn zum Junkie der Macht, bis die Droge ihn leergefressen hat und der Sieger am Siegen erstickt.
Eine dunkle Tragödie im Kampf gegen sich selbst. Gespielt zu dritt, jeder gegen jeden und 100% first live.
Shakespeares großes Gedicht als als verstörendes Vollbluttheater mit hintergründiger Komik.
Credits
Spieler: Julia Amme, Thomas Kressmann, Utz Pannike
Regie: Viktor Tremmel
Bühne: Odette Lacasa
Regie-Assistenz: Carl Thiemt
Premiere: 6.Dezember 2007 im Projekttheater Dresden
Gefördert durch Kulturstiftung Sachsen
Keine Garantie für Prophezeiungen
Panisches NOt-Theater zeigt im Projekttheater Shakespeares Macbeth als Hexentanz
Mit dem falschen Bein aufgestanden trottet man in den grauen Alltag hinein, fühlt sich unmotiviert und kraftlos. Lies das Horoskop, sagt eine innere Stimme. Und da steht : „Sie fühlen sich heute etwas unmotiviert und kraftlos, mit dem falschen Bein aufgestanden.“ Wow, woher wissen sie das? “ Klären sie ein Missverständnis zügig auf.“ Wo finde ich jetzt so schnell ein Missverständnis? Noch beeindruckender sind die Jahreshoroskope. Da weiß man schon im Voraus, zu welcher Jahreszeit das Einschleimen beim Chef lohnt und wann die große Liebe an die Tür klopft.
Wanga, eine sagenumwobene südeuropäische Wahrsagerin soll ihren Kunden mit Vorliebe ihr Todesdatum prophezeit haben. Muss ein komisches Gefühl sein, mit dem eigenen Todesschein in der Seele weiterzuleben — manches dürfte einem sinnlos erscheinen.
Wie Shakespeares Macbeth, der am Ende erkennt: „Leben ist nur ein wandelndes Schattenbild, / Ein armer Komödiant, der spreizt und knirscht / Sein Stündchen auf der Bühn und dann nicht mehr / Vernommen wird.“
Und wer ist Schuld am ganzen Macbeth-Schlamassel? Sein Hexen-Horoskop.
Zuerst sagen die drei Weiber, er würde zum Than von Cawdor geadelt und König von Schottland werden. Prompt kommt ein Bote und verkündet, Macbeth sei zum Than von Cawdor ernannt worden, weil der bisherige Träger des Titels es sich mit dem König verscherzt hat. Also mal so unter Horoskopgläubigen: bekommt man da nicht ein bisschen Lust, auch König zu werden? Man braucht nur die eine Kleinigkeit von aktuellem König zu beseitigen, die geschäftstüchtige Gattin ist auch dafür.
Und am Ende kommen die Hexen wieder und prophezeien dem von Opfer-Halluzinationen gebeutelten Macbeth, dass er nichts zu befürchten habe, bis der Wald von Birnam auf sein Schloss hinziehe. Zudem könne kein Mann ihn töten, der von einer Frau geboren worden sei. Na also! Aber auch hier gilt die Regel: Lies bei Horoskopen auch zwischen den Zeilen! Denn Herausforderer Macduff kam dummerweise durch Kaiserschnitt auf die Welt und die englischen Soldaten tarnen sich mit Zweigen und bewegen sich so als Wald auf Macbeths Schloss zu. Gemein ist das! Aber „fair is foul and foul is fair“, das Schöne ist hässlich, das Hässliche schön — sagen die Hexen und meinen: Nichts ist so wie es scheint, wir übernehmen keine Garantie.
Den Text großzügig gekürzt, die handelnden Personen (bei Shakespeare mehr als zwei Dutzend) reduziert und den Rest auf drei Mitwirkende verteilt — das ist nur ein Teil der Maßnamen, die vom Panischen NOt- Theater um Utz Pannike ergriffen wurden, um dem düsteren Macbeth-Werk eine gewisse Leichtigkeit zu verleien.
Die Inszenierung in der Regie von Viktor Tremmel feierte nun im projekttheater Premiere. Die Bühne von Odette Lacasa ist quasi die nackte Bühne vom projekttheater, beseelt durch ein gutes Lichtkonzept und ergänzt durch die ein paar Requisiten, die alle Platz in den Hexentaschen finden.
Und manchmal ist es eben gut, wenn das Geld nicht mal für Kostüme reicht, so dass man sich über den schwarzen Rollkragenpullover bloß einen Sack mit einem Loch für den Kopf drüberstülpt. So können Julia Amme, Thomas Kressmann und Utz Pannike mit einer Handbewegung als Hexe aus der Szene hinaus oder in die Szene hineinschleichen, wo sie Sekunden vorher mit rotem Tuch oder Krone, rotem Gürtel oder Kopfverband Macbeth, Lady Macbeth oder Macbeth Vertrauter Banquo gewesen sind.
Es ist alternatives Theater im schönen Sinne des Wortes, das hier geboten wird. Und es ist ein Spiel — jeder darf mal Macbeth sein. Utz Pannike übernimmt auch mal kurz den Part von Lady Macbeth. Ein paar Augenzwinkereien sind schon dabei, doch der Grundton ist ernst — das wirkt dicht und unterhaltsam.
Die Figuren sind nicht dramatisch, sondern eitel und dadurch manchmal komisch. Und wenn Thomas Kressmann als Macbeth doof ins Publikum guckt, wenn er erfährt, dass er zum Than ernannt wurde — sieht er bloß aus wie ein armer Superstar-Kandidat, der erfährt, dass er eine Runde weiterkommt. Klasse ist auch Julia Amme — mal zahm, mal eine Furie mit kräftiger Stimme.
Wer also am Wochenende in seinem Horoskop irgendwas findet, sollte nicht zögern und ins projekttheater gehen. Dort gibt es die passende Erhellung zur Adventszeit. Apropos Erhellung: Ist Fotografieren während der Vorstellung eigentlich erlaubt? Zur Premiere jedenfalls blitze es immer wieder — was die Atmosphäre der diesigen Hexenküche schon störte.
— Bistra Klunker, Dresdner Neuste Nachrichten o8.12.2007:
