GRIMM & GRIMM
Skurriler Trip durch dunkle Kinderphantasien.
Ein Zimmer, zwei Menschen, zwei Betten, ein Schrank. Aber was ist in dem Schrank?
Nach fast food classic zaubern nun Jörg Isermeyer und Utz Pannike aus dem Schrank dunkle Kindheitsphantasien und skurrile Märchenfiguren hervor. Das dabei nicht alles so bleibt, wie man es kennt, ist im Fieber des Spiels unvermeidlich.
So zeigen uns die Märchen ihre Wahrheiten die wie eine Fliege im Bernstein geschlossen sind.
Credits
Spiel: Jörg Isermeyer und Utz Pannike
Produktion Panisches NOt-Theater 2003
Märchenhaftes Chaos
Es waren einmal zwei Männer. Die hatten sich sehr lieb, waren aber Brüder und teilten zwar das Zimmer, aber nicht das Lager. Eines Nachts, als sie mal wieder in ihren Betten liegend gelesen hatten, konnte der eine nicht einschlafen und animierte seinen Bruder zum Spiel. Später irgendwann müssen sie ihre Einfälle geordnet und gesammelt haben. Entstanden so die 1812 erstmals als Buch erschienenen „Kinder- und Hausmärchen, gesammelt durch die Brüder Grimm“?
In der neuen Inszenierung „Grimm & Grimm“ des Panischen NoTheaters liegen zu Beginn jedenfalls zwei Männer im Bett und lesen. Es sind die beiden „Märchenonkel“ Jörg Isermeyer und Utz Pannike. Es könnten natürlich auch zwei Kinder sein, die munter drauf los spielen.
Nicht ganz zwei Stunden später ist das Zimmer verwüstet, herrscht eine Unordnung, die man aus Kinderzimmern kennt. Doch hier ist das Chaos, anders als bei diversen Schreibtischtätern, gelegentlich tatsächlich mal der Kreativität geschuldet.
Märchenkenntnisse sind im projekttheater von Vorteil, aber nicht notwendige Voraussetzung, um diesen dunklen Kinderfantasien etwas abgewinnen zu können. Zwar werden die Grimmschen Vorlagen zertrümmert wie häufig die Klassiker in einigen Schauspielhäusern, aber diese Form von Regietheater ist weder öde noch nervend.
Isermeyer und Pannike spielen sich quer durch die Dialekte, schlüpfen in die ulkigsten Kostüme, haben keine Scheu, auch den bizarrsten Einfällen nachzugeben, eine Fliegenklatsche zum Reichsapfel mutieren zu lassen.
Jacob und Wilhelm Grimm wollten nicht nur der Geschichte der Poesie und Mythologie einen Dienst erweisen, sondern bewirken, dass die Poesie, die in ihren Märchen immer noch lebendig ist, „erfreue, wen sie erfreuen kann“.
Isermeyer und Pannike setzen mehr auf Spaß als auf Poesie – erfreuen tut ihre Lesart der Märchen aber auch. Wir sind Papst, die beiden sind in ihrer kindlichen Spiellust zudem König (auch wenn sie dann feststellen müssen, dass es nur einen geben kann), sind Müllerstochter und Prinz, Hänsel und Gretel, die von ihrer unheimlichen Begegnung im Wald mit der sie befingernden Hexe in einem Metal-Rap gröhlen.
Frank und frei wird zudem assoziiert und persifliert. Ein König erinnert wägen seines harrrten doitschen Tonfalls an einen ainstigen Föhrer ont Rrreichskanzler, ein verwachsener Zwerg, der wahrgenommen und geliebt werden will, aber nicht wird und schon mal in Shylock-Manier klagt: „Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?“ Ein Akteur ist auch mal nicht Fisch, sondern Fleisch mit Flosse drauf, ein verwunschener Prinz, der aber vom Fischer bestialisch mit der Säge bearbeitet wird, dass das Blut, naja, das Ketchup spritzt. Grund für das Kettensägenmassaker? Der Fänger will seine Ruhe haben, sine fru die Isebill würde in ihrer Gier seinen Frieden nur stören. Das Angeln wird als das erkannt, was es ist: tätiges Nichtstun.
Etwas müsste man tun. Märchen lesen. Und diese Inszenierung besuchen. Denn wenn sie nicht gestorben sind, dann spielen sie „Grimm & Grimm“ noch einige Zeit weiter.
— Christian Ruf, Dresdner Neuste Nachrichten 06.05.2006:
