Büchners Kopf

Durch die Luftschleuse gelangt ein ewig Suchender, Flüchtender, von der Zeit Vergessener in einen Raum.

Er hat eine konkrete Vision. Er will gehört werden, man soll ihn sehen, wissen dass er noch da ist.

Sein Steckbrief hängt an den Wänden: „Gesucht wird Georg Büchner!“. Als Akrobat wirbelt er seine Figuren durcheinander, so trifft Danton auf Lenz und Woyzeck auf Marion oder der Hessische Landbote auf Leonce usw.

Er jongliert mit gesellschaftlichen Utopien, setzt sie neu zusammen und zertanzt als trauriger Clown seine Hilflosigkeit.

Büchner als Fantastischer Spielmann, als Revolutionär und Bote aus der Zeit des Vorabends der 1848er Revolution in Deutschland, als ewiger Stachel im Fleisch einer sich selbst genügenden Gesellschaft.

Credits

Idee/Spiel: Utz Pannike
Regie/Realisierung: Steffen Pietsch
Dramaturgie: Tanja Mette
Bühnenästhetik/Perfomance: Lena Thorsmaehlum

Produktion: Panisches NOt-Theater 2005
Gefördert durch die Kulturstiftung Sachsen

Wo ist die Moral, wo meine Schattenmorelle?

Eine Kreatur kriecht im projekttheater zwischen die Zuschauerreihen die Treppe hinunter zur Bühne und kauderwelscht dabei auf Basis der russischen Sprache. Im Scheinwerferlicht präsentiert sich die Gestalt mit Wollmütze Marke „armer Bankräuber“ auf dem Kopf und mit weiter Latzhose, die aussieht wie aus einer Plastikplane genäht.

„Unverkennbar“ Büchner, der da vor uns steht: hilflos, suchend, wund analysiert und nur noch nach Bedarf wichtig. Noch besser: Es ist Georg, der Clown, der billige Tricks mit zwei Tennisbällen oder zwei Taschentüchern auf Lager hat, aber auch Revolutionäre, Müßiggänger oder Zukurzgekommene an der Leine hinter sich herzieht, zur allgemeinen Belustigung.

Und es ist nicht zuletzt der Schauspieler Utz Pannike, der mit der wegen Krankheit um eine Woche verschobenen Premiere unter der Regie von Steffen Pietsch „Büchners Kopf“ riskiert, um auf Kosten des Dichters eine „revolutionäre Kaffeefahrt“ zu veranstalten.

Die bescheidene Botschaft: Nehmt Büchner nicht allzu ernst, dann begreift ihr ihn vielleicht. „Wo ist die Moral, wo sind die Manschetten?“, fragt der permanent denkende König Peter in „Leonce und Lena“. Nach der Moral wird noch gefahndet (am Ende heult die Polizeisirene, das Haus ist „umzingelt“ und der Mann flieht), Manschetten trägt eh keiner mehr, dafür kommt die Wahrheit über die Schattenmorelle ans Licht.

Danton ist es, in den sich der Maskenmann mit Hilfe von Anzug und Baskenmütze verwandelt hat, der die Verkrüppelung der um Château Morelle angebauten Sauerkirschen-Sorte zu einer schnöden deutschen „Schattenmorelle“ verberballhornt. Oder war’s Robespierre?

Die zwei Revolutionäre unterscheidet nämlich nur die Aufstellung der Mütze – nach vorn gedrückt und darunter grimmig geguckt, das ist der blutrünstige Robespierre, die Mütze nach hinten geschoben mit den Manieren eines liberalen „Softies“ dazu, das ist der sanftmütigere Danton.

Der Disput zwischen den beiden ist Schwerstarbeit für Utz Pannike – er springt hin und her, schiebt die Mütze vor und zurück, wechselt zwischen rauem Bass und schmeichelndem Bariton, dass es einem schwindlig wird. Und er zieht die einzig mögliche Konsequenz: Er lässt die Streithähne mit ein paar Zuckungen in die eine und in die andere Figur-Richtung verschmelzen.

Aus und vorbei die Revolution. Zurück bleiben nur die Verwundeten. Lenz zum Beispiel, in weißer Unterwäsche, die in der Dunkelheit phosphoresziert, ebenso wie die weiße Mullbinde, die sich der Mann um den Kopf wickelt. Eine zweite rollt er zu einem Grenzstrich aus.

Während Pannikes Stimme per Tonaufnahme Ausschnitte aus der Erzählung „Lenz“ präsentiert, geht und tänzelt Lenz halt „durchs Gebirg“, doch weit kommt er bekanntlich nicht. Dann ist es wieder vorbei mit dem Ernst, ein müder Clown übt den Müßiggang, hat keine Ideen mehr, da läuft ein Stummfilmchen, in den er hineinschlüpft, um als Leonce der offensichtlich verliebten Lena, auf einer Treppe sitzend mit einem Plüsch-Troll in der Hand, beizustehen.

Film aus, genug gelacht, schon betritt der arme Woyzeck, lediglich mit einer zerschlitzten Unterhose bekleidet, das mit Kreide markierte Verhörzimmer, ist Mörder und Untersuchungsrichter zugleich, antwortet brav auf die Fragen, zittert ein bisschen, will ein bisschen Gerechtigkeit.

Der Abend, den Utz Pannike aus Büchner-Material und eigenen Einfällen zusammengemixt hat, funktioniert wie eine Speise aus Zutaten, die für gewöhnlich nicht kombiniert werden, aber an sich harmonieren könnten – sie überrascht, schmeckt aber trotzdem.

— Bistra Klunker, Dresdner Neuste Nachrichten 25.10.2005: